Donnerstag, 21. November 2013
1218.Tag
Der Ruhe Einkehr seis gedankt. Der Worte viele harren in den Büchern. Das Hörbuch mir die Zeit vertreibt. So braucht im neuen Chaos Struktur der Tag. Das Web zum Spielplatz mir gemacht, muß Reiferem jetzt weichen. Der Kunst der Revolution gab Stelldichein. Die Dokumentation gedoppelt geb das Dritte ich auf Band. Das Band Herr Beckett schockt die Welt. Mal sehen, was vom Bund sie hält.Doch wachsam Brüder Schwestern seid dies nun, ist unsere Zeit...
Es durfte unmöglich so weitergehen. Alles andere, alles, nur nicht das. So tief gesunken war ich und so schwach. Der Tod wäre besser. Ich sehnte mich nach ihm. Von jedem Tag und von jeder Stunde erwartete ich Erlösung, doch sie kam nicht. Ich erwartete irgendeine Nachricht, irgendeinen Besuch. Ich dachte, gleich geht die Tür auf und meine Qual hat eine Ende. Nichts, niemand, nichts.
Woher sollte auch die Erlösung kommen, da doch der ganze Schmerz und der ganze Schrecken aus meinem Innersten kamen? Vergangenheit flieht mich, genesen lach gesund mich Die Wände zittern, bald läßt der Bund sie zittern.
Wie mit staubfeiner Lava bedeckt, flimmerte die sandige Piazza.
Die weißgetünchten Häuser umher glänzten eigentümlich metallisch und glühten wie die Wände eines erlöschenden Ofens. Die Steinpilaster der Kirche waren vom Widerschein der irisierenden Wölkchen rotgefärbt. Die Verglasungen funkelten, als ob es im Innern lichterloh brenne. Die Bildnisse und Ornamente schienen belebt, voller Kolorit und Bewegung. Mächtig und übergroß in der seltsamen, phänomenalen Abendbeleuchtung, beherrschte das große Gebäude die Häuser der Radusaner.
Gruppen von gestikulierenden und schreienden Männern und Frauen durcheilten die nach der Piazza führenden Straßen. Alle erfüllte eine abergläubische, wachsende, bis ins Ungeheure sich steigernde Angst vor dieser nie gesehenen Himmelsfärbung, und in tausend Schreckbildern von Strafen des Himmels erging sich die Phantasie dieser Menschen, die von keiner höheren Kultur berührt waren. Geschwätz, hartnäckiges Streiten, Klagen, Verwünschungen, Gebete, Geschrei mischten sich wild durcheinander und glichen dem Grollen des Donners, ehe das Gewitter losbricht.
Seit mehreren Tagen schon überzog nach Sonnenuntergang diese blutige Röte das Firmament, beleuchtete gespenstisch die träumende Ferne, drang in die Stille der Nacht und erregte das Gebell der Hunde.Der Garten eures Genusses verleiht dem Paradiese Glanz. Das Feuer eurer Entfernung
entflammt der Hölle Glut.Mein armes Herz – es verbrennet, und nicht erreicht es seinen Wunsch.Wär' sein Verlangen gestillet, nicht weinen würd' es Blut.Les bêtes nous peuvent estimer bêtes comme nous les estimons
Ferner: es ist wol nicht zu verhehlen, wie wenig mannigfaltig die Sprachen zu allen Zeiten waren, in denen die Richter ihre Bescheide und wir unsere sogenannten Verläumdungen ausfertigen: wenn es jene in ihren Dekreten zur Vereinigung des deutschen und lateinischen, und wir in Gesellschaften zur Zusammenkunft des Deutschen, Französischen und Undeutschen das getrieben hatten: so waren wir beide froh. Allein die Sprachmaschinen reden in ihrer Jugend (wie Europa an der ersten sah) die meisten europäischen Sprachen; sie würden sich daher auf dem Richterstuhle so ausdrücken können, daß man nicht Ein gezogenes Register sondern die ganze Orgel aller Sprachen hörte.
Am wenigsten kann in der ganzen Sache von nachdenkenden Köpfen das System der vorher bestimmten Harmonie vergessen werden. Dieses System und Leibniz machten längst folgende Wahrheiten ruchbar: der Leib und die Seele treiben, wie in unsern Tagen Mann und Frau, iedes seine Haushaltung für sich; die Seele hat da ganze Monate nicht den geringsten Jagd- oder Hand- und Spandienst des Körpers auf ihren vielen Noth- und Ehrenzügen nöthig, und macht sich jahraus jahrein ihre unzähligen Gedanken in der That allein und selbst; eben so sieht sich der Körper wenig nach der Seele um, er springt sehr, tanzt gut, schreibt die scherzhaftesten Bücher, redet laut und vernünftig, sezt sich in Gunst, lässet mit Lust taufen, schiebt die Krone wie eine Mütze leicht auf dem ganzen Kopf herum, schlägt einen andern Körper gewissermassen fast halb tod, wird deswegen nach einer Bekehrung elendiglich aufgehangen und führt sich überhaupt als der einzige Perpendickel dieser runden Erde auf, ohne sich in seinem Leben nur darum zu bekümmern, ob eine Seele in der Welt und in ihm sitze und übernachte: indessen bewegen sich beide wie ein Doppelklavier genau zugleich, sie kommen gleich schönen Geistern, ohne daß beide einen Buchstaben von einander wissen, stets auf gleiche Erfindungen, ia wenn man die spashafte Probe gemacht und Leibnizens Körper nach England geschift, seine Seele aber in Hannover dagelassen hätte, so ist schon zum voraus möglichst dargethan, der Körper wäre in London auf seiner Studierstube zu seinem ewigen Ruhme zuerst auf den methodum fluxionum verfallen, während die Seele zur nämlichen Sekunde in Hannover ohne die geringste Hülfe einer Gehirnfiber die Differenzialrechnung herausgebracht hätte, (wiewol sie freilich wegen Mangel der verreiseten Hände wenig oder nichts für die acta eruditorum hätte niederschreiben können); kurz, die beiden Hälften von Leibniz wären zu gleicher Zeit auf die nämliche herrliche Entdeckung in der Algeber gestossen. Allein, ob der menschliche Körper sein Werk denn doch nicht fertiger und ausgesuchter triebe, wenn das arme Wesen mit gar keiner Seele zusammengespannt wäre, darüber lässet sich freilich disputiren und die Gelehrten rauften sich deswegen untereinander wechselseitig dermaßen, daß man die Haare häufig auf dem Boden sah: inzwischen ist so viel gar nicht undeutlich, daß dem Körper sein Reden, Schreiben etc. ganz anders von Händen gehen müste, wenn nicht allemal zu gleicher Zeit die Seele unnöthigerweise das nämliche ins Werk zu setzen strebte, und dem Viehe, dieser bloßen kartesianischen Maschine, schlagen dahero so viele menschliche Handlungen augenscheinlich besser ein. Was es nicht alles unter der Sonne gab und gibt, wohin denn nur mein Geist gestiebt. So lasse wirrwarr jeder hier seinen Vertand wahr.
Ein talentierter Pamphletist hat in einer etwas gehässig geratenen Analyse der »deutschen Mentalität« diese Anekdote aufgegriffen und behauptet, Kant habe, wie alle bedeutenden Repräsentanten des Deutschtums, kein Herz für die Kreatur gehabt; dem Verfasser der Schrift vom ewigen Frieden habe der Sinn für Humanität gefehlt. So lieblos kann einer werden, der dem andern Mangel an Liebe vorwirft.
Mißverstanden ist in dieser Veräußerlichung, in dieser beabsichtigt tendenziösen Zuspitzung die tiefere, fast bizarre Symbolik des Vorganges: die Einsamen, die den Einsamen stören. Die Männer im Gefängnis gröhlen ihr Leid in die Welt hinaus; der Einsiedler in dem bescheidenen Haus am Schloß aber bildet aus seinem Leid eine unerhörte Melodie. Die Gassenhauer der Sträflinge verhallen in der Nacht, aber das Lied des Immanuel Kant wird für ewige Zeiten Finsternisse durchdringen und die Nacht besiegen.
Nun las Euch wild und quer nun macht es her was ich begehr:
»Ja, es gibt auch in unserm heutigen rationalisierten Berlin allerlei Originale. Da kam ein Tütenfabrikant zu mir. Ich sollte ihm 'ne Zeichnung machen für den Konsumverein. Er hatte sich wohl mit dem Verein ein bißchen quergestellt und wollte sich nun wieder mit den Leuten gut stellen. Mit meiner Zeichnung führte er sich auch wieder gut ein. Der Verein benutzte sie wohl auch als Reklame.
Na – er zahlte gleich, als er das erstemal kam. Ich hatte noch keinen Strich gemacht. Es sollte bloß 'ne kleine Zeichnung sein. Viel könnte er nicht anwenden. Er sei ja kein Millionär. Draußen im Osten hatte er ein Grundstück mit 'ner Fabrik gehabt. Das war alles weg durch Krieg und Inflation. Er arbeitete nun flott weiter. Und dann schrieb er, ob ich schon angefangen hätte – und schickte fünfzig Mark mit.
Da schrieb ich ihm: ›Es wächst schon!‹
Beim zweitenmal, als er wieder nachfragte, schickte er noch fünfundzwanzig Mark mit.
Da antwortete ich: ›Es wird noch größer!‹
Ja – und nun hat er wohl wieder mehr Papierlieferungen zu machen – und nun hat er bloß den Fimmel, Arme aufzusuchen. Ganz im Ernst. Immer will er helfen.
Ich muß mich wehren, daß er mir Geld gibt.
Und nun hat er doch gesehn, daß meine Schwiegertochter kränklich ist. Das arme Mädchen ... Nun will er durchaus für sie was tun.
Na – ich schicke ihn dann zu andern.
Es gibt ja genug Arme.
Aber der ist nur glücklich, wenn er helfen kann
...klopft Ihnen das Herz nicht zum erstenmal?« – fragte sie mit schwachem Lächeln, die Hand des schweigsamen Freundes, der an ihrer Seite saß, leicht berührend. – »Ich sehe Sie ein wenig bleich und nachdenklich. Welch schöner, sieghafter Abend für einen großen Dichter!«
Mit einem Blick ihrer empfänglichen Augen umfaßte sie die ganze göttliche Schönheit, die der letzte Dämmerschein des Septemberabends ausströmte. In diesem leuchtend dunkeln Himmel umkränzten Lichtgirlanden, vom Ruder im Wasser erzeugt, die aufragenden Engel...
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